Bin ich schön?

Ich habe mich vor nicht allzu langer Zeit auf ein kleines Experiment eingelassen. Ich nenne es Experiment, weil es ein Versuch war, etwas zu entdecken, gewissermaßen mich selbst zu entdecken. Eine persönliche Begegnung mit mir selber.

Es ging darum, in einem sehr kleinen, persönlichen Rahmen Porträtaufnahmen zu machen. Ich durfte vor, aber auch hinter der Kamera agieren. Ich durfte gesehen werden und auch die andere Person vom Blickwinkel hinter der Kamera sehen. Ich durfte ganz ich sein, denn es gab eigentlich nichts zu erreichen, es gab auch keine großen Erwartungen. Die Atmosphäre war eine entspannte und ich musste dieses Mal nichts darstellen (Frage: ist das eigentlich möglich?), da die Bilder ausschließlich zum privaten Gebrauch gedacht waren. In der Zeit vor und zwischen den Aufnahmen wurden Lebensgeschichten erzählt und gehört und es war ein behutsames Annähern an das Gegenüber, an die Frau, die später vor und hinter der Kamera stehen würde. Es ging auch um Empathie, darum, den anderen zu spüren, wahrzunehmen, um Einfühlungsvermögen und Zartgefühl, um die Bereitschaft und Fähigkeit, sich in die Einstellungen des Gegenübers einzufühlen. Die Frau mit der Kamera kam wirklich sehr nahe an mich heran, wortwörtlich, in jeglicher Hinsicht. Ich ließ diese Nähe zu, ließ mich in ein Gespräch verwickeln, erzählte über mein Leben, über Begegnungen, über Vergangenes, die Gegenwart, die Zukunft, es wurde viel gelacht, und so ganz nebenbei fotografiert. Wenn du während des Fotografierens sprichst, etwas erzählst, entstehen natürlich auch viele unbrauchbare Aufnahmen. Aber dann gibt es auch diese kleine Zeitspanne zwischen den Gedanken, die du im Kopf formulierst und den Wörtern die über deine Lippen kommen. Diese Sekunden, wenn du über das Gesprochene nachdenkst, über das Bedenkliche, das, worüber es Sinn macht nachzudenken. Diese kleinen Momente spiegeln sich in deinem Gesicht, es ist ein winziger Moment des Innehaltens und wenn es jemandem gelingt diese Momente festzuhalten, dann ist nicht nur ein Bild entstanden, sondern dann lässt du jemanden in deine Seele blicken, du öffnest den Schleier und bist einfach nur du selbst.
Nach dem Shooting verabredeten wir uns zu einem "Reading" mit der Aufgabe, 6 Lieblingsbilder des jeweils anderen auszusuchen. Ich muss dazu sagen, dass ich keines meiner Porträts vorab angesehen habe. Es gab also durchaus einen Überraschungseffekt!

Zuhause blättere ich durch Modezeitschriften und sehe keine Menschen, sondern Masken, künstlich hervorgebracht aus dem Verlangen nach Gefallen und Anerkennung, künstlich am Computer erzeugt. Gesichter die vollkommen faltenlos und langweilig sind, unecht, surreal - aber nicht im Sinne von traumhaft, wunderbar - sondern Gesichter die eher artifiziell, künstlich wirken. Ich muss gestehen, ich erschrecke Zusehens. Um ehrlich zu sein, auch ich kann mich nicht immer mit meinen Lach-, Sorgen-, Kummer-, Zornes- und Denkerfalten arrangieren. Auch ich sehe ab und an diesen Linien in meinem Gesicht, die meine Mimik hervorgebracht hat, mit einer gehobenen Augenbraue und verzogenen Mundwinkeln im Spiegel entgegen. Aber dann kommt auch die Erkenntnis, gerade weil ich diese Stimmungen und Gefühle, diese Fröhlichkeit und auch Leidenschaft, Nachdenklichkeit und Traurigkeit in meinem Leben zulasse und zugelassen habe, sieht mein Gesicht aus, wie es aussieht, ist es genau so gezeichnet.
Wann haben wir eigentlich angefangen, wann haben die Medien angefangen, nur noch faltenfreie, maskenhafte Gesichter als schön zu betiteln? Was war der Auslöser? Es gibt doch so viele Facetten von Weiblichkeit, so viele Facetten von Schönheit, so viele Facetten von Mensch-Sein. Wann haben wir angefangen das alles zu verleugnen und einem Idealbild hinterher zu laufen, das künstlich am Computer kreiert wird? Mittlerweile gibt es Fotobearbeitungsprogramme, die Augen weiten, Gesichter verschmälern, Lippen voller machen, Münder vergrößern, Falten glätten, Gesichter "weiblicher" oder "männlicher" machen (was immer das auch bedeutet und vor allem, nach welchen Kriterien?). Ich stelle mir hier an diesem Punkt wirklich die Frage: Wozu tun wir das? Warum, verdammt noch mal, sind wir nicht bereit dazu, unser Selbst zu akzeptieren? Zu unserem ICH, zu dem wie wir sind, was wir sind, zu stehen? Keine Sorge, auch ich nehme mich nicht aus. Bloß, warum verleugnen wir uns selbst, unsere Persönlichkeit? Was steckt hinter diesem Verlangen nach einem makellosen, faltenfreien Gesicht, einem Körper, angepasst an ein fragwürdiges Schönheitsideal? Leben wir in einer Gesellschaft, die verleugnet, dass uns unsere persönlichen Lebensumstände und Geschichten prägen, dass dieses gelebte Leben unsere Gesichter prägt? Müssen wir uns selbst verleugnen?

Zurück zu meiner Erfahrung, meinem Experiment: Ich sehe mir also meine Porträts an, jene 6 ausgewählten Bilder, jene Bilder, die für die Fotografin eine besondere Bedeutung haben. Nun ja …  was sticht mir sofort ins Auge, was fällt mir als Erstes auf? Ich gebe es ganz offen und ehrlich zu. Du hast es erraten? Genau, es sind meine Falten ... und im gleichen Moment muss ich so herzlich über mich selbst lachen. Dann passiert etwas ganz Zauberhaftes: ich werde von einem anderen Menschen gesehen – und nicht nur gesehen, sondern man liest in meinem Gesicht, in meinen unterschiedlichen Gesichtshälften, in meinen Augen, die nun auch mich direkt ansehen. Erkenne ich mich darin? Wie ist mein eigener Blick auf mich? Bin ich wirklich diese Frau auf dem Foto? Man liest in meinen Lippen, die ein Lächeln formen, ein überschwänglichen, herzhaftes Lachen, man liest in meinen leicht geöffneten Lippen, wie sie nur ganz zufällig und ohne es zu wollen abgelichtet werden konnten, in der Form meines Gesichtes, in den Linien, die sich mal mehr, mal weniger auf meiner Haut abzeichnen, in meiner tanzenden linken Augenbraue, man liest in meinen Gesichtszügen und erzählt mir Geschichten darüber. Es ist der ehrliche Blick, einer anderen Frau auf all die Facetten meines Ichs, auf all die Nuancen meiner Weiblichkeit. Es ist auch eine persönliche Begegnung mit mir selber. Ja, das bin ich. So bin ich. Das ist MEIN Gesicht … und ich LIEBE dieses Gesicht, genau aus diesem Grund, weil es MEINES ist. Jedes Bild ist einzigartig, jedes Bild ist wunderschön, jedes Bild zeigt MICH. Es braucht keine Retusche, keine Bearbeitung. Nicht dieses Mal.

Eure Christina

P.S. Falls ich dich neugierig gemacht habe, und auch du Interesse an solch einer Porträt-Fotografie hast, dich auch im Betrachten üben möchtest, hier ist dein Link: https://www.unfoldingface.de

Text & Bild Christina Kohlberger / 08.07.2017