Danke für das Kompliment!

„Du hast einen wunderschönen Körper!“ sagt jemand. „Aber ich mag meine dicken Waden nicht.“ sagst du. Kommt dir das bekannt vor? Fühlst du dich dabei ertappt, auf Komplimente gewohnheitsmäßig mit einem „Aber“ zu reagieren? Warum tun wir das? Warum können wir nicht ganz einfach ein Kompliment annehmen, mit der einzigen richtigen Antwort: „Vielen Dank!“? Wie schön wäre es, ein Kompliment zu hören, einfach so stehen zu lassen, wirken zu lassen, und sich vielleicht darin einzukuscheln wie in eine Decke aus lauter bunten Schmetterlingen … und dann darin erstrahlen. Können wir ein Kompliment, ein Lob ganz einfach als das annehmen, was es ist? Nämlich ein Ausdruck von Wertschätzung, oder einfach eine Anerkennung, oder einfach ein Gesehen werden. Ich versuche, nicht mehr zu hinterfragen, „WARUM?“ macht mir mein Gegenüber ein Kompliment. Denn das ist nicht relevant, das hat keine Bedeutung in dem Moment, wo die Worte von mir gehört werden.
Für mich ist ein Kompliment wie ein Sonnenstahl, der ganz plötzlich und unerwartet auf meine Wange trifft und ich die Augen schließen möchte, um den Moment noch weiter auszukosten. Ein Kompliment ist wie eine Melodie, die mich zum Tanzen bringt, ein kleiner Glücksmoment. Aus diesem Grund verschenke ich auch gerne Komplimente, oder Blumen, oder ein Lächeln. Wobei ich eine aus-gesprochene, eine in Worte gekleidete Anerkennung am liebsten verschenke.

Ich stelle immer wieder fest, dass gerade Frauen jedem Kompliment eine ordentliche Portion an Skepsis entgegenwerfen und es damit wortwörtlich ersticken, so wie ein kleiner zarter Grashalm durch einen groben Stiefel zertreten wird. Ich spreche ein Kompliment aus, lobe meine Kundinnen im Training, und bemerke, wie schwer es fällt dies anzunehmen. Ich finde das sehr schade. Natürlich kann man argumentieren, wozu braucht der Mensch ein Kompliment? Muss auf diese Weise das Ego gestreichelt werden? Ja, ich denke wir sollten unser Ego auch mal streicheln. Denn wenn wir unser Ego gut behandeln, auch anerkennen, dass es vorhanden ist, können wir es auch irgend wann einmal loslassen, wenn wir das wollen.

Als ich vor mehr als 20 Jahren das ersten Mal nach New York reiste, ist mir zuerst diese ganz unkomplizierte Art der Amerikaner aufgefallen, wildfremden Menschen ein Kompliment auszusprechen. Egal ob auf offener Straße, im Bus, im Restaurant. Ich habe es niemals als oberflächlich eingeordnet, sondern viel eher als liebe Angewohnheit. Eine Angewohnheit, die mir fremd war, die mich sehr angenehm überraschte und ich mir gerne zu eigen machte. Ein kleines Kompliment, ein kurzer Austausch, vielleicht ein Lachen. Annehmen, sich daran erfreuen, dass man gesehen wird. So kann manchmal, zu meiner eigenen Überraschung, das Leben auch ganz simpel sein.

Und wie steht es damit: Kannst du dir selber ein Kompliment machen? DÜRFEN wir uns selber ein Kompliment machen? Meine ganz klare Antwort darauf: JA! Ich mache das ab und zu in meinen Kursen und frage danach, was jede einzelne Teilnehmerin in der letzten Stunde besonders gut gemacht hat. Also, das ist eine Herausforderung! Nicht zu formulieren, was heute gut oder schön WAR, nein, zu erzählen was jede einzelne Frau gut GEMACHT HAT. Also, probiere es aus und mach dir gleich heute noch ein Kompliment. Viel Freude dabei!

 

Eure Christina

Text & Bild Christina Kohlberger / 12.02.2017